Sharing is Caring!

|||In Linz beginnts!|||

 

„Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“

-Friedrich Schiller

Heute Morgen bin ich in einer wahren Bildungsstätte aufgewacht. Ich durfte im Zimmer des dreijährigen Fin übernachten. Ganz wie es sich für einen solch kreativen Ort gehört war der Türstock mit Ölkreidemalereien versehen; und zwischen Matchboxautos und Schaukelpferd habe ich außerordentlich gut geschlafen – erheblich besser als früher auf den harten Tischen in der Schule.

Bei Fin und seiner Mutter Katharina, die mit ihm wohnt, landete ich am Montagabend, nachdem ich von Wien aus Richtung Linz gestartet war. kathi&finDie Reise war spannend, denn nicht nur bin ich zum ersten Mal als Hitchhikerin mit einem LKW mitgefahren; ich konnte auch gleich meine „Bildungsfragen“ stellen: Astrid, die ich bei der Station Hütteldorf (einem Hitchhikehotspot) kennenlernte, weil sie auch Richtung Linz autostoppte antwortete mir hochmotiviert. Was für sie der Ort war, wo sie am meisten gelernt habe; ihr „Bildungsort“ sozusagen? Die Uni Wien, das Internationale-Entwicklungsstudium dort. Dass dieses Bachelorstudium abgeschafft wurde, das sei ein sehr schlechtes Zeichen des Bildungssystems. Und was würde sie an diesem Bildungssystem verändern? Kindergärten und Schulen in Waldkindergärten und Schulen am Bauernhof verwandeln – auf so einer Schule hat sie nämlich selber gearbeitet und gemerkt, wie gut die Kinder dort lernen.

Astrid war so begeistert von meiner zweiwöchigen Bildungs(hitchhike)reise, dass sie mir eine Unterkunft für die Nacht bei Katharina organisierte, bei der ich auch Fin und sein Zimmer kennenlernte. Mir wurde ein bisschen klarer, um was es bei dieser Reise gehen würde: Persönliche (Bildungs-)Geschichten, Lernerfahrungen und das Kennenlernen von privaten, inoffiziellen Netzwerken und deren Zugang zum Thema Bildung. Ich will nicht nur Schulen und andere staatliche Institutionen besuchen, ich will genauso die Erfahrungen und Netzwerke von alleinerziehenden Müttern in Linz, Biobauern in Tirol und PädagogikstudentInnen in Salzburg kennenlernen.

So begann ich am Montag gleich, indem ich Tamara, eine Freundin von Katharina, im Eltern-Kind-Zentrum Linz besuchte. Sie ist alleinerziehende Mutter und hat mich dorthin eingeladen, um mit ihr über Bildung zu sprechen. Das EKIZ ist ein TamaraOrt, wo Väter und Mütter mit ihren Kindern Zeit verbringen und sich austauschen können. Beim Gespräch betonte Tamara vor allem, dass Bildung für sie lebenslanges Lernen sei. (Das ganze Interview kann man sobald ich schnelleres Internet habe auf unserem Youtubechannel sehen.) Monika erklärte mir außerdem, dass das EKIZ für sie ein Ort der Bildung ist, weil Kinder hier von sehr frühem Alter an „wie von selbst“ soziale Kompetenzen erlernen.

Kurz nach Mittag machte ich mich weiter auf den Weg zu Schola, einem erst dreischola Jahre alten, alternativen Schulprojekt nördlich der Donau, in „Urfahr“, mit 10 Kindern. Der Name des Projekts bezieht sich auf den lateinischen Ursprung des Wortes „Schule“, „schola“, was ursprünglich „Freizeit, Muße“ bedeutete. Das zentrale Anliegen dieser Schule ist es, der „Fehlerkultur“, die im normalen Bildungssystem praktiziert wird,  auszuweichen. Von einer Lehrerin wird mir erklärt, dass das wichtigste an der Schule ein Vertrauen darauf sei, dass die Schüler und Schülerinnen von sich aus lernen wollen. Trotz meines kurzen Besuchs erhielt ich einen wirklich interessanten Einblick, der mir Vorfreude auf den Besuch weiterer Schulen macht.

Danach ging‘s weiter zu den Donauwirtinnen, zwei jungen Frauen aus Linz, die vor kurzem ihr eigenes Lokal eröffnet haben. Wenn Wirtinnenman sieht wie sie für ihr Wirtshaus brennen, bräuchte man eigentlich gar nicht fragen, wo sie am meisten gelernt haben: „Hier!“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. An Tanja und Julia hat mich vor allem ihre aufgeweckt fröhliche Art, beeindruckt, mit der sie diese Herausforderung angingen. Solche Herausforderungen, die Spaß machen und praxisrelevant sind, wünschen sie sich auch für den Unterricht.

Nach der motivierenden Begegnung mit den Donauwirtinnen wurde ich etwas unsanft auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt: Als ich zu Katharina zurückkehrte traf ich Viktoria, eine alleinerziehende Freundin von Katharina. Ihr Sohn, der gerade am Spielen mit Fin war, wird in einem Jahr schulpflichtig und Viktoria möchte, was wohl alle Eltern möchten: Dass ihr Kind auf die für ihn beste Schule gehen kann. Allein, es fehlt das Geld!

Ich wollte noch eine Runde durch die Stadt drehen, da kam ich an einem außergewöhnlichen Atelier vorbei. Mein Bauchgefühl gab mir ein eindeutiges Zeichen und, da es mir wichtig ist, diesem zu folgen, trat ich ein. Ich begegnete einer Dame mit pechschwarzem Haar, unverkennbar die KIm Atelierünstlerin dieses Ateliers. Dorothee begrüßte mich, und ich erzählte ihr von meiner Reise. Am meisten habe sie von ihrem Meister Erich Ruprecht, dessen Bilder früher verboten wurden, weil sie „zu pornographisch“ waren. Frau Funke, eine Kunsthändlerin, die auch im Atelier war, machte diesen Besuch noch mehr zu einem Erlebnis: Sie konnte gar nicht genug betonen, wie Bildung Kunst und Kunst Bildung ist. Ich konnte sehr leicht erkennen, dass die Kunst diese zwei Menschen wirklich stark „gebildet“ hatte. In einem Hinterzimmer, das mit Statuen bestückt war, die den Einfluss „des Meisters“ Erich Ruprecht nicht verkennen ließen, erklärte Dorothee mir wie es zu dem Atelier kam und das sie im Innenhof für sich und ihre Kinder (ihre Bilder) ein kleines Häuschen gekauft habe. Mein Bauchgefühl hatte mich in ein ganz eigenes Universum verführt.

Nun zeigte es mir aber eindeutig, die Stadt weiter zu erkunden und ich machte mich auf den Weg durch das klirrend kalte, nächtliche Linz. Als ich neben den Straßenbahngleisen spazierte traf ich auf Fabian. Wir verwickelten uns in ein Gespräch, in dem er mir erklärte, dass er die Waldorf-Schule, die er besuchte, in der 8. Klasse abbrach, weil es ihm einfach zu viel wurde. Er fing daraufhin im Schmuckladen seiner Mutter an und versuchte sich selbst an der Produktion von Schmuck. Er übernahm immer wichtigere Aufgaben im Geschäft, das er mir sichtlich stolz und glücklich zeigte. Heute führt er es, fast vollständig allein.

Nachdem ich in mein Zimmer bei Katharina zurückgekehrt war (ich darf noch eine Nacht bleiben, juhu!), war ich überwältigt von all den Eindrücken. Was lässt sich also neben all meinen persBildönlichen Lernerfahrungen, wie zum Beispiel das Kennenlernen von so vielen mutigen Alleinerziehenden, zusammenfassend über die ersten zwei Tage sagen? Die breite Resonanz auf meine Fragen, von so vielen verschiedenen Menschen, war ein eindeutiger Hinweis dafür, wie brennend das Thema Bildung ist. Und dass es sich dabei um ein Thema handelt, das jeden betrifft. Denn mir scheint, Lernerfahrungen sind mitunter die intensivsten Lebenserfahrungen, und die Summe dieser Erfahrungen ist das, was wir unsere Bildung nennen. Bildung in diesem Sinn hat, denke ich, weniger mit Tests Noten und Zeugnissen zu tun, und mehr damit, wie wir Herausforderungen annehmen und damit umgehen, dass unsere Kreativität uns manchmal ein wenig verrückt erscheinen lässt. Wenn wir also nur da ganz Mensch sind, wo wir spielen, wie Schiller meint; dann sind wir da ganz Mensch, wo wir aus neuen Erfahrungen leben lernen.

3 Comments

  1. Sehr großartiger erster Post! Freu mich auf alle die noch folgen. Wünsch dir viele tolle Erfahrungen und Schlafgelegenheiten! :-)

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  2. Sau coole Aktion! Freu mich über viele weitere Einträge :)

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  3. Es ist so toll zu lesen was du gerade alles erlebst!
    Ich seh dich richtig vor mir wie du die Stadt unsicher machst ;-)
    Folge weiter deinem Bauchgefühl liebe Locke :-) !

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