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Von der Pädagogik einer Kulturhauptstadt…

Es mag paradox klingen, wenn ich berichte, dass einer der spannendsten Momente jeden Tag das Schlafengehen ist. Denn wenn ich am Morgen aufbreche, weiß ich noch nicht, wo ich mich am Abend ins Bett (oder auf die Couch oder auf den Boden) legen werde. Bei der Herausforderung, ohne Geld eine Bleibe zu finden sind vor allem die Dunkelheit und der Zeitdruck, den sie und die mit ihr kommende Eiseskälte mir machen, meine Gegnerinnen. Dieser Herausforderung habe ich mich gestellt, weil wir mit dieser Tour auch zeigen wollen, dass es nicht immer große Budgets braucht, um etwas (Großes) zu bewirken. Genau wie unsere Tour, hängt auch gute Bildung nicht nur von viel Geld, sondern von einzelnen Personen und deren Einstellung ab. Umso wichtiger scheint es mir, auch in der Dunkelheit meine positive Ausstrahlung zu bewahren, denn die fällt potentiellen GastgeberInnen auf, egal ob es hell oder dunkel ist. An dieser Stelle auch ein großes Danke an alle meine freundlichen GastgeberInnen bisher, die durch ihre Gastfreundschaft eine große Unterstützung für unser Projekt bekunden!

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Nun aber zum heutigen Tag: Nachdem ich von Mathias’ Mutter Richtung Salzburg aufgebrochen war, landete ich in einem öffentlichen Kindergarten. Waren sie zuerst auch ein wenig schüchtern, so drückten die Kinder ihre Zuneigung sehr schnell durch ein hervorragendes Frühstück aus Papierkuchen, Glasnuggetsuppe und frisch gebrühtem Lufttee aus – je länger ich schlemmte, umso mehr brachten sie ihre Kreativität zum Kochen. Auch wurden ihre Fragen immer neugieriger und zahlreicher.

Kindergarten Salzburg - Land der Bildung

Nach diesem köstlich-kreativen Festmahl bekam ich noch Gelegenheit, mit der Kindergartenleiterin ein ausgiebiges Interview zu führen. Sie betonte, dass Bildung „außerordentlich viel mit Kultur zu tun hat“ und in unserer globalisierten Welt immer mehr auch mit der Vernetzung von Kulturen, Toleranz und Teilen: So gebe es an ihrem Kindergarten z.B. kein Martinsfest, sondern ein Lichterfest. Als ich dann noch mit einer anderen Kindergartenpädagogin sprach, betonte diese – wie eigentlich alle anderen vor ihr – dass sie die Fehlerkultur nicht versteht: „Wieso wird einem Kind in unserem System nur besondere Aufmerksamkeit geschenkt, wenn es eine Aufgabe besonders schlecht macht und nicht, wenn es sie meistert?“ Außerdem gebe es ein Problem bei der Ausbildung von KindergartenpädagogInnen: „Viele entscheiden sich für die BAKIP (Kindergartenschule) ohne wirklichem Interesse an Kindern; also nur, weil sie dort die Matura bekommen, die man „heute einfach braucht.“

Ich verlasse den Kindergarten und treffe einen Herren, dessen Aufgabe es ist, die HUMANA-Kleidungscontainer zu entleeren. Als ich ihm von meiner Reise erzähle, nimmt er mich gleich in die Akademiestraße mit, seiner Meinung nach einem Bildungshotspot der Stadt Salzburg: Neben der Uni befindet sich dort eine Volksschule, ein BORG – und die Pädagogische Hochschule, an der Volks-, Haupt- und SonderschullehrerInnen ausgebildet werden. Spontan entschließe ich mich, mir ein Bild von den zukünftigen Lehrerinnen und Lehrern und ihren Ansichten zu Bildung zu machen. Ich versuche zwar auch, mit dem Führungsgremium der Pädagogischen Hochschule Kontakt aufzunehmen, doch mir wird gesagt, dass man sich für einen Termin mit der Rektorin mindestens 2 Wochen im Vorhinein anzumelden habe. Auch die Vizerektorin war von meinem Besuch nicht sonderlich begeistert. So machte ich mich also an zukünftige Lehrer an Neuen Mittelschulen (der neue Name der Hauptschulen) heran und interviewte sie. Mario, ein angehender Mathe- und Werklehrer erklärt mir, dass Bildung für ihn eine Mischung aus persönlichen Erfahrungen, zusammen mit den Inhalten, die die Schule vermittelt, ist. Welche Veränderung am Bildungssystem er sich wünscht? Mehr Praxis! Denn die ist wichtig, dass sei ihm bei seinem BW-Studium, das er abgeschlossen hat, aufgefallen. Konkret auf sein Fach bezogen findet er es zum Beispiel wichtiger, dass ein Schüler Prozentrechnen beherrscht, als dass er Sinus- und Kosinusintegrieren kann, denn das eine brauche man viel wahrscheinlicher als das andere. Auf die Frage, was am derzeitigen System positiv sei, antwortet er prompt: „Nix. Deswegen werde ich ja Lehrer.“

Sportplatz BAKIP Salzburg

Mein nächster Interviewpartner, ein angehender Mathe- und Sportlehrer, erklärt, dass Bildung für ihn eine Form von Ausbildung sei, die es jungen Menschen ermögliche, sich in der Gesellschaft zurechtzufinden und ein gutes Leben führen zu können. Und wieso er Lehrer werden will? Weil ihm Unterrichten, das Weitergeben von Wissen, das Gefühl gibt, etwas Sinnvolles zu tun.

Ich gönne mir am Buffet eine kurze Pause. Dort verwickle ich mich in ein Gespräch mit einem vergleichsweise älteren Herrn, der wie ein Lehrer aussieht – allerdings stellt sich heraus, dass er eine erheblich bedeutsamere Position (ich darf sie leider nicht nennen…) an der PH innehat. Auch wenn er zu Beginn meinen Fragen eher ausweicht, als sie zu beantworten, so fasziniert er sich immer mehr für meine Reise und gibt mir am Ende ehrliche, offene Antworten. Seine Traumschule erfülle drei Voraussetzungen: 1) Altersgemischte Gruppen (als ob Kinder mit dem sechsten Geburtstag Lesen, und mit dem achten auf einmal das Einmaleins können wollen) 2) eine Talent- anstatt einer Fehlerkultur (niemand geht gern täglich an einen Ort, wo ihm gesagt wird, was er alles nicht kann; jeder geht gern an einen Ort, wo er seine Stärken entdecken und entfalten kann) 3) Erhalten der Lernmotivation, die die Kinder von selbst mitbringen (Kinder kommen hochmotiviert in die Schule – wie kann es sein, dass so vielen von ihnen bis zur Matura die Lust am Lernen vollkommen vergeht?)

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Seine Aufgabe an der PH ist unter anderem die Arbeit mit zukünftigen Volksschullehrerinnen und –lehrern. Dabei versuche er vor allem, die Entwicklung von kindlicher Kreativität vom Kindergarten in die Volksschule zu diskutieren: Sie verfalle, obwohl Kreativität in unserer Zeit so wichtig ist. Wie er diesen Verfall lösen würde? Durch eine gute Mischung aus Vorgaben von Seiten der LehrerInnen und Input der SchülerInnen – deshalb ist auch sein wichtigster Tipp an seine Studenten: Eine offene Haltung. Betreten sie nämlich das Klassenzimmer mit einer offenen Haltung, so werden die SchülerInnen sie mit einer solchen verlassen.

Um einige Einsichten reicher verlasse ich also die Pädagogische Hochschule Salzburg, noch immer ohne Unterkunft. Interessant an meinem Besuch hier war auch, dass von meinen drei Interviewees nur einer seinen Namen nennen und keiner ein Foto machen wollte: „Wir haben es einfach satt, uns verteidigen zu müssen.“

Eigentlich hatte ich mir für den Tag noch vorgenommen, ein paar Schulen auf der Akademiestraße zu besuchen, doch das war jetzt nicht mehr möglich. Durch die angeregten Gespräche hatte ich nicht gemerkt, wie schnell die Zeit vergangen und es dunkel geworden war. Bereut habe ich es jedoch überhaupt nicht; ich fühlte mich einfach bestärkt in meiner Überzeugung, dass gute Gespräche Zeit brauchen und sie auch verdient haben.

Ich machte mich also von der Akademiestraße auf den Weg nach Puch, wo sich eine Fachhochschule und (hoffentlich) viele gastfreundliche Studenten befinden. An einer Tankstelle wartete ich, jedoch ohne auf mein weißes Schild, das ich immer dabeihabe, mein Ziel schreiben zu können. (Dem Folienstift hatte es in der PH wohl besser gefallen, als auf Reisen…) Ich machte mir Sorgen und mich überkam immer mehr das Gefühl, mehr wie eine Prostituierte, denn als eine Bildungshitchhikerin zu wirken. Schließlich gelang es mir doch, nach Puch zu kommen. (Dank der Fußballtruppe: Marco, Daniel & Elias!)

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Ich stand vor einem riesigen Betonkomplex, der mehr an einen Bunker als an ein Studentenwohnheim erinnerte. Da es keine Möglichkeit gab, in das Gebäude zu kommen, wartete ich davor und fragte mich, wie lang das wohl gut gehen würde, bevor mir die Finger abfrieren würden. Nach geschlagenen 45 Minuten hielt ich es nicht mehr aus: ich musste aktiver nach einer Bleibe suchen.

Stephanie's Bett

Als ich um das Gebäude lauerte, wie ein Fuchs um einen (beheizten) Hühnerstall, fielen mir zwei junge Burschen auf, die auf einem “Balkon” rauchten.„Hey, hat jemand von euch zufällig eine Couch?“, rief ich zu ihnen hinauf. Ich kam mir vor wie im Märchen “Rapunzel”, nur dass meine Haare nicht bis zum dritten Stock reichten und die Geschlechterrollen sich ein wenig vertauschten.

Sogleich kamen die zwei Burschen herunter und baten mir ihren Zimmerboden an. Als sie sich dann auch noch die Mühe gaben, mit mir nach einer freien Couch zu suchen und ich schließlich bei Flo unterkam, war ich überglücklich. Flo und ich wollten nicht nur über die Thematik “Bildung” diskutieren, sondern es künstlerisch ausdrücken. Wir setzten uns ein 5 Minuten Zeitlimit und es entstand ein sehr lustiges Bild.
Als ich mich dann schließlich (auf Flo’s Matratze am Boden) hinlegte, war ich  überüberglücklich.

Der Tag hatte mir äußerst deutlich gezeigt, wie wichtig es ist, sich eine positive Einstellung gegenüber dem eigenen Erleben und Erkennen zu bewahren: ohne ihr würde ich in vielen Momenten verzweifeln. Mir wurde unheimlich klar, dass diese Reise nur möglich ist, weil ich an sie glaube – und vielleicht ist es ja mit Bildung ähnlich. Ich werde mir auf jeden Fall eines meiner Lebensmottos auch in der kommenden Woche  immer wieder vor Augen führen: “Smile and the world will smile back at you.”

2 Comments

  1. Finde es spannend, dass in letzter Zeit immer häufiger die Fehlerkultur kritisiert wird. Kann dem nur zustimmen und doch sind wir davon noch weit entfernt uns mehr auf die Stärken, als auf die Schwächen zu konzentrieren.
    Warte schon gespannt auf den nächsten Blog :-)

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    • anderseits: hätte ich meine Fehler in Naturgeschichte nicht korrigiert, hätte ich nicht Biologie studiert … :)!

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