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Mein Wochenende in den Alpen war wirklich lehrreich. Begonnen hat es am Samstag um 07:30, einer Zeit, zu der man am Wochenende in Wien eher ins Bett geht als aufsteht. Ich saß beim Frühstück mit Frau Reinisch, Katharinas Oma, die normalerweise Jakobspilger beherbergt. Um 08:00 Uhr schon holte mich Katharina zu einem Spaziergang zu den für sie (neben Innsbruck) lehrreichsten Orten in ihrem Dorf Unterperfuss ab. In dieser wunderbaren Berglandschaft, gespickt mit Bauernhöfen und Misthaufen, mit einer 17-jährigen über Bildung zu diskutieren war wirklich erfrischend und ermutigend: Nicht nur sprach sie von sich aus schwierige Themen wie Rassismus an (und wie sie versucht, diesen in ihrer Klasse zu bekämpfen), sie zeigte sich auch äußerst zufrieden mit ihrer derzeitigen Schule: ihrer Traumschule. Denn sie sei hell, geräumig und biete viele Möglichkeiten. Angst habe sie vor der Zentralmatura. Diese Angst haben mir auch einige andere Zeitgenossen mitgeteilt…

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Wir spazierten bis nach Zirl, wo ich meine Reise Richtung Vorarlberg fortsetzen und davor noch meine Erlebnisse niederschreiben wollte. Dazu suchte ich ein kleines Bistro vor einem Supermarkt auf. Doch wie immer kam es auch diesmal ganz anders: Manfred, setzte sich neben mich. Wir diskutierten ein wenig über Bildung und er erklärte mir, dass es bei Schule für ihn nicht nur um Kinder und Jugendliche, sondern genauso um Erwachsene gehe. Wie bei manchen Naturvölkern gehe es bei Schule für ihn um die Vermittlung von generationenüberdauerndem Wissen. Er persönlich habe am meisten durch Bücher, sein Umfeld und die Musik gelernt; wobei ich seine Liebe zur Musik später noch genauer kennenlernen durfte. Denn nach einiger Zeit driftete er immer mehr von unserem eigentlichen Thema ab und erklärte mir, wie sehr ich nicht der Frau aus seinem neuesten Lied gleiche. Und sogleich begann er, mir von „Augen, die wie Smaragde im Dunkel der Nacht leuchten“ und „pupurrotem Haar“ zu singen. Da fragte ich mich kurz, ob er vielleicht farbenblind sei, denn rote Haare hatte ich an mir noch nicht entdeckt. Als dann die zweite Strophe mit „nur noch Küssen deinen sinnlichen Mund“ endete, war mir die Lust zum weiteren Gespräch vergangen. Ich versuchte mich höflich mit der Ausrede, Interviews transkribieren zu müssen, aus dem Staub zu machen, worauf er nur meinte „Du ignorierst mich sowieso nur.“ Darauf fiel mir nur noch die Gegenfrage ein: „Was, ich?“ und machte mich auf in den Raucherraum, der die einzige Steckdose im Umkreis von 10 Kilometern beherbergte.

Schließlich machte ich mich auf den Weg nach Vorarlberg – zumindest war das der Plan. Da die Tankstelle sich mitten im Ort befand, versuchte ich zuerst direkt dort mein Glück. Da machte ich Bekanntschaft mit einer für Hitchhiker unangenehmen Eigenschaft des Tirolerlandes: Um 15:00 Uhr schon begann es, dunkel zu werden.  Um schneller weiterzukommen näherte ich mich der Autobahn an und es blieb auch schnell ein Auto stehen: Eines der Autobahnpolizei, die mich mit Blaulicht von meinem Hithhikespot verweisen wollte.

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So machte ich mich wieder auf in den Ort und konnte dort jemanden überzeugen, mich bis zur nächsten Raststätte mitzunehmen. Von dort nahmen mich Michael und Neil mit, zwei hochmotivierte Sportler, die frisch verschwitzt auf dem Heimweg von ihrer Bergtour waren. Trotz ihrer sichtlichen Erschöpfung waren sie hoch motiviert, mit mir über Bildung zu diskutieren und  erklärten mir, dass für sie die zentralsten Inhalte einer guten Bildung Selbstreflexion und kritisches Denken seien. Außerdem, betonte Neil, der professioneller Wildwasserrafter ist und oft mit ganzen Schulklassen unterwegs ist, falle ihm auf, dass besonders in Österreich eine große Angst vorherrsche. Bei seinen Raftingkursen für Schuklassen habe er (fast) noch nie eine österreichische dabeigehabt, weil die es für „zu gefährlich“ hielten. Dabei sei es so wichtig, die Erfahrung zu machen, ein gemeinsames Ziel zu haben und auch gemeinsam dorthin zu paddeln.

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Weiter ging meine Reise mit Aileen und Lukas, mit denen ich hauptsächlich über einen Verbesserungsvorschlag diskutierte: Die Erziehung von Kindern und Jugendlichen zu sport- und ernährungsbewussten Menschen; ein Thema, das in den letzten Tagen schon öfter angesprochen wurde, als ich fragte, was man verbessern könnte an der Schule. Aileen, deren Beruf es ist, Menschen via Webcam in ihrer Ernährung & Fitness zu coachen, betonte besonders wie unreflektiert ihre Kunden oftmals entscheiden, was sie in den Kühlschrank stellen und zu welchen Waren sie im Supermarkt greifen. Die Zahl der Kinder, die an Diabetes leiden, steige rasant. Lukas fügt noch hinzu, dass Schule auch praktisches Wissen (Bsp.: wie kann ich mein Taschengeld verwalten) vermitteln sollte, aber es trotzdem  vorrangig um persönliche Entfaltung gehe und zitiert dabei den Film „Alphabet“ von Erwin Wagenhofer, der auch für mich eine  Inspiration zu dieser Reise war. Dort sagt Sir Ken Robinson, ein äußerst renommierter Pädagoge: „98% aller Kinder kommen hochbegabt in die Schule – nur 2% verlassen sie noch hochbegabt.“ Als ich dann bei der Raststätte auf meine nächste Mitfahrgelegenheit warte weist mich ein etwas älterer Herr mit dem Namen Hugo darauf hin: „Neugierde ist sehr wichtig, junges Fräulein. Hören sie nie auf zu fragen”. Das werde ich, Dankeschön :)

Das letzte Stück nach Dornbirn bin ich mit Stefan, einem Juristen, der aber eine Lehre gemacht hat, unterwegs. Er scheint sehr zufrieden mit seinem Bildungsweg und betont, dass es für ihn „genau das Richtige“ gewesen sei, vor dem Studium eine Lehre zu absolvieren. Er habe dabei soziale Fähigkeiten erlernt, die seinen Mitstudenten, welche nur in der Schule gewesen waren, fehlten.

Als ich schließlich in Dornbirn ankomme, bin ich außerordentlich froh darüber, mir keine Unterkunft suchen zu müssen. Ich beschloss spontan am Weg nach Vorarlberg mir ein kleines Geschenk zu machen, da ich es bis ans andere Ende unseres Landes (der Bildung?) geschafft hatte, und für die kommende Nacht bei zwei guten Freundinnen zu bleiben.

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Beim Abendessen geht mir noch einmal die Ernährungsbewusstseinsthematik durch den Kopf: Ob wir unsere Kinder und Jugendlichen zu genug Aufmerksamkeit für das, was sie zu sich nehmen, erziehen? Das lässt auf jeden Fall hinterfragen und viele Leute tun es auch, wie mir in den letzten Tagen auffiel. Auch fällt mir ein interessanter Unterschied zwischen meiner Kindergartenzeit, wo mir gesagt wurde „Frag nicht so viel!“ und der Gegenwart, wo alte Männer an der Tankstelle mir raten: „Erhalte deine Neugierde.“

Auch wenn das Hitchhiken in Tirol schwerer war als in allen anderen Bundesländern, so beschäftigt Bildung die Menschen auch dort sehr – und jeder hat eine Geschichte zu erzählen.

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  1. Let’s Go West! | Auf nach Bildung - […] Wie es nach meiner Nacht am Bauernhof weitergeht, erfahrt ihr in meinem nächsten Artikel. […]

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