Sharing is Caring!

Bildung ist eines der meistdiskutierten Themen unserer Zeit. Sie gilt als Schlüssel zum persönlichen Erfolg des Individuums, als auch zum ökonomischen Erfolg ganzer Nationen und Kontinente. Begriffe wie „Wissensgesellschaft“, „Innovation“, „Exzellenz“ und „lebenslanges Lernen“ findet man regelmäßig in den Sonntags- und Zukunftsreden politischer Persönlichkeiten. Setzt man sich jedoch aktiv mit dem politischen Diskurs zu dieser zweifelsfrei zukunftsbestimmenden Thematik auseinander, gewinnt man leicht den Eindruck, es geht mehr um kurzfristigen Wahlerfolg als den langfristigen Erfolg (also die Zufriedenheit und den Aufklärungsgrad) der Gesellschaft.

Als wir (das sind: Stephanie Cox, Mathias Haas und Clemens Guptara) am Anfang dieses Jahres das Thema in freundschaftlichem Kreise diskutierten und unsere individuellen Erfahrungen mit „dem Bildungssystem“ austauschten, wollten wir herausfinden, ob wir die einzigen waren, die Bildung so bewegte wie uns. Wir wollten eine Art „Thermometercheck“ in der österreichischen Bevölkerung durchführen und herausfinden, inwiefern das „Land der Berge“, das „Land großer Töchter, Söhne“ auch ein Land der Bildung ist. So entstand die Idee, uns auf nach Bildung zu machen, also zwei Wochen durch Österreich zu reisen, diverse Bildungsinstitutionen kennenzulernen und zu erfahren, wie sehr „Bildung“ die Menschen in unserem Land beschäftigt und was sie damit assoziieren. Stephie wollte dabei ihre Komfortzone verlassen und sich mit Ansichten und Menschen konfrontieren, die sie sonst eher unwahrscheinlich kennengelernt hätte. Sie wollte ihre Komfortzone gezielt verlassen und erlegte sich deshalb die Herausforderung auf, die gesamten zwei Wochen keinen einzigen Cent für Transport oder Unterkunft auszugeben. Sie würde Hitchhiken und wildfremde Menschen fragen, ob sie bei ihnen für die Nacht bleiben dürfe. Mathias und Clemens unterstützten sie von Wien aus dabei, die Reise durchführen und sich via Internet (www.aufnach.landderbildung.at) und Social Media (www.facebook.com/LandDerBildung) mitteilen zu können.

Der 13. Jänner war auch schon das Datum der Abreise – Stephie begab sich an eine Tankstelle in Wien, um mit einem übergroßen Facebooklikedaumen (ihrem Markenzeichen) ihre erste Mitfahrgelegenheit anzulocken. Zwei Wochen, 9 Bundesländer, 2171 Kilometer und 42 Mitfahrgelegenheiten später war sie zurück in Wien und hatte mit mehr als 170 Menschen aus den unterschiedlichsten Ecken des Landes über Bildung diskutiert. Die Kritik, die dabei am derzeitigen Bildungssystem geübt wurde, war oft überraschend ähnlich; die folgenden Punkte haben sich als zentral herauskristallisiert:

1)      Bezug zu Natur und Ernährung:

Bereits bei Stephie‘s erster Station in Linz wurde von Katharina, einer alleinerziehenden Mutter, eindringlich geschildert, wie wichtig es ihr sei, dass ihr Sohn viel (Lern-)Zeit in der Natur verbringen könne. „Warum haben nicht alle Schulen einen eigenen Garten? Die Kinder könnten dort ihr eigenes Gemüse anbauen und somit mitbekommen, woher ihre Nahrung stammt. Einfach mehr Bezug zur Natur, das wäre wichtig.“ Immerhin, bereits die Philosophen und Naturforscher im antiken Griechenland haben ihre Schüler im Freien unterrichtet. Dass dieser Bezug zur Natur, zur Nahrung und zum eigenen Körper immer mehr verloren geht hat zum Beispiel auch Aileen geschildert, die Stephie von Tirol aus nach Vorarlberg mitnahm. Sie ist Ernährungs- und Fitnesscoach und die Anzahl der diabeteserkrankten Kinder steige rasant. „Viele Kinder können heute nicht einmal mehr einen Purzelbaum.“, bestätigt Benedikt, ein Turnusarzt aus Innsbruck.

2)      Verlust von Kreativität und eigenständiger Denkfähigkeit:

In Salzburg, der dritten Station nach Linz und Braunau am Inn, fällt dieser Verlust besonders stark auf: Nachdem sie am Vormittag von Kindergartenkindern ein wunderbar-kreatives Frühstück aus Papierlasagne und Glasnuggetsuppe gezaubert bekommt, besucht Stephie am Nachmittag die Pädagogische Hochschule. Dort diskutiert sie mit zukünftigen Lehrern und ein Mitarbeiter der Hochschule bringt diesen Schwachpunkt des gegenwärtigen Bildungssystems auf den Punkt, indem er fragt: „Kinder kommen hochmotiviert in die Schule – wie kann es sein, dass so vielen von ihnen bis zur Matura die Lust am Lernen vollkommen vergeht?“ Für einige zukünftige Lehrer, mit denen Stephie geredet hat, ist genau dieser Schwachpunkt eine starke Motivation, selbst Lehrer zu werden: „Wir wollen nicht sudern, sondern es selbst besser machen.“ Die Wichtigkeit des selbstständigen Denkens betont auch Hugo, ein Pensionist aus Vorarlberg, der Stephie rät: „Behalte deine Neugierde, und hör niemals auf zu fragen!“

3)      Rotstiftkultur beenden:

Kaum etwas wurde so oft kritisiert wie die Eigenschaft unseres Bildungssystems, Menschen mehr mit ihren Schwächen zu konfrontieren, als sie in ihren Stärken zu fördern. So sinniert zum Beispiel Felix, ein Multimediaarts-Student an der FH Puch: „Die Talente, die wir hier haben, das sind teilweise wirklich außergewöhnliche Künstler. Wenn man die bloß mehr in ihren Stärken fördern, als sich auf ihre Schwächen konzentrieren würde…”

4)      „Warum?“

Es sei unheimlich wichtig, nicht nur das Gelernte zu verstehen, sondern auch zu verstehen, wieso man es lernt. Zum Beispiel, indem man zeigt, wie sich etwas Gelerntes im eigenen Leben anwenden oder nützen lässt. „Wenn man weiß, wieso man einen Stoff lernt, lernt man ihn gleich viel leichter.“, meint Lukas, ein Geographiestudent aus Innsbruck. Und schließlich gestaltet sich auch das Unterrichten als angenehmer, wenn die SchülerInnen dem Unterricht motiviert folgen.

5)      Lehrer-Schüler Beziehung

Nachdem Stephie es nach Vorarlberg, ans andere Ende des Landes, geschafft hatte und durch Tirol nach Kärnten reist, besucht sie die HTL Fulpmes. Dort fällt ihr erneut auf, was sie auch schon an der HTL Braunau (der angeblich „besten Schule Österreichs“) gemerkt hatte: Die Schüler lernen gerne und gut, weil sie eine Beziehung zu ihren Lehrern haben. Es geht um eine respektvolle, aber enge Beziehung, meinten die Schüler in Braunau: „Wir haben ein sehr gutes LehrerInnen-SchülerInnen Verhältnis, wir machen z.B. außerhalb unserer Unterrichtszeit mit den LehrerInnen sehr viele Projekte. Wir sind per Sie, haben aber einen sehr engen Draht zu den Professoren. Dies wirkt sich auch sehr positiv auf unseren Unterricht aus.“ Der Direktor der HTL in Fulpmes, Herr Schmidt, bestätigt dies: „Grundsätzlich muss eine fachliche Kompetenz von Seiten der Lehrer stimmen. Ein höflicher Umgang miteinander ist sehr wichtig. Doch muss man SchülerInnen auch die Chance zum Erwachsenwerden geben und diesen Prozess mit Respekt begleiten. Sonst haben wir nur “Ja- Sager” in der Schule.“

Es ist uns wichtig, zu betonen, dass es sich bei dieser Reise um keine wissenschaftliche, repräsentative Studie handelt, sondern eben um einen hautnahen Thermometercheck: Wir wollten in einem möglichst authentischen, natürlichen Umfeld mit Menschen über Bildung diskutieren und herausfinden, ob diese Thematik die breite Gesellschaft so sehr beschäftigt wie uns.

Unsere Haupterkenntnis aus dieser Reise war eindeutig, dass das Thema Bildung „heiß“ wie nie ist: In zwei Wochen haben wir ohne jegliche Werbe- oder Meidenkampagne mehr als 700 Likes auf Facebook erhalten und zahlreiche unterstützende SMS und Emails, aber auch Interviewanfragen und Kooperationsangebote haben uns erreicht. Es besteht zum einen große Unzufriedenheit mit dem derzeitigen Bildungssystem und darüber hinaus ein (gleich?-)großer Tatendrang. Die Debatten über Gesamtschule und Zentralmatura im Hohen Haus und im Unterrichtsministerium gehen an dem vorbei, was Pensionistinnen in Unterperfuss, Alleinerziehende in Linz, Projektmanagerinnen in Villach und Studenten in Bregenz an Bildung bewegt. Unzählige Menschen gründen ihre eigenen Kindergärten und Schulen oder denken zumindest darüber nach, aus Frustration mit der gegenwärtigen Ordnung. Kaum eine Person, egal wie alt und egal ob vom Land oder aus der Stadt, gab auf die Frage: „Welcher Ort hat dich am meisten gebildet?“ Schule, Universität oder Kindergarten als Antwort. Viel eher wurden Omas Küche, der Wald oder der Stall genannt.

Bei der Strategieklausur, die der Reise „Auf nach Bildung“, folgte, wurde uns klar, was die künftigen Ziele von Land der Bildung sein werden: Awarenessraising und Ermutigung zur Partizipation der Zivilgesellschaft beim Thema Bildung. Wir sind überzeugt, dass eine Verbesserung der Bildung („des Bildungssystems“) nur möglich ist, wenn sich “der Mann und die Frau auf der Straße” (also genau jener Mann und jene Frau, welche Stephie auf ihrer Tour mitgenommen haben) mit der Thematik beschäftigen, darüber diskutieren und selbst aktiv werden. Denn keinesfalls haben wir drei alle Lösungen und Antworten – wir sind jedoch überzeugt, dass diese gefunden werden, wenn mehr Einzelpersonen und kleine Gruppen Fragen stellen. Deshalb ist unser konkretes Vorhaben zum einen eine Online- und Offlinevernetzung von Menschen, die an Bildung interessiert sind  und darüber hinaus ein gesamtgesellschaftliches „Bildungs-Awarenessraising“. Online wird dies zum Beispiel durch eine Videokampagne geschehen, bei der sowohl generelle als auch hochaktuelle Fragen zur Bildungsthematik diametral beleuchtet werden, um Menschen zu ermutigen, sich aktiv Gedanken und eine eigene Meinung zu bilden. Offline wird es lokale Diskussionsrunden  (z.B. “Land-der-Bildung-Brettljause“), aber auch überregionale und nationale Veranstaltungen geben.

Diese Kampagne und Plattform, die Land der Bildung sein wird, sind ein Resultat aus der Reise „Auf nach Bildung“, bei der uns zum einen klar wurde, wie viele Initiativen von Individuen und kleinen Gruppen es bereits gibt; und bei der wir zum anderen vom schier unerschöpflichen Potential zur Vernetzung und Partizipationsermutigung, das es in allen Teilen der Gesellschaft gibt, überwältigt wurden. Bildung lässt einfach niemanden kalt und findet jeden Tag, auch weit ab von Schule und Uni statt.

In einem Wort: Bildung ist heiß. Wir wollen diese Hitze in gesellschaftliche Bewegung verwandeln, welche die Thematik demokratisch fortschreiten lässt, anstatt sich weiterhin nur parteipolitisch im Kreis zu drehen.


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