Mein Wochenende in den Alpen war wirklich lehrreich. Begonnen hat es am Samstag um 07:30, einer Zeit, zu der man am Wochenende in Wien eher ins Bett geht als aufsteht. Ich saß beim Frühstück mit Frau Reinisch, Katharinas Oma, die normalerweise Jakobspilger beherbergt. Um 08:00 Uhr schon holte mich Katharina zu einem Spaziergang zu den für sie (neben Innsbruck) lehrreichsten Orten in ihrem Dorf Unterperfuss ab. In dieser wunderbaren Berglandschaft, gespickt mit Bauernhöfen und Misthaufen, mit einer 17-jährigen über Bildung zu diskutieren war wirklich erfrischend und ermutigend: Nicht nur sprach sie von sich aus schwierige Themen wie Rassismus an (und wie sie versucht, diesen in ihrer Klasse zu bekämpfen), sie zeigte sich auch äußerst zufrieden mit ihrer derzeitigen Schule: ihrer Traumschule. Denn sie sei hell, geräumig und biete viele Möglichkeiten. Angst habe sie vor der Zentralmatura. Diese Angst haben mir auch einige andere Zeitgenossen mitgeteilt…

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Wir spazierten bis nach Zirl, wo ich meine Reise Richtung Vorarlberg fortsetzen und davor noch meine Erlebnisse niederschreiben wollte. Dazu suchte ich ein kleines Bistro vor einem Supermarkt auf. Doch wie immer kam es auch diesmal ganz anders: Manfred, setzte sich neben mich. Wir diskutierten ein wenig über Bildung und er erklärte mir, dass es bei Schule für ihn nicht nur um Kinder und Jugendliche, sondern genauso um Erwachsene gehe. Wie bei manchen Naturvölkern gehe es bei Schule für ihn um die Vermittlung von generationenüberdauerndem Wissen. Er persönlich habe am meisten durch Bücher, sein Umfeld und die Musik gelernt; wobei ich seine Liebe zur Musik später noch genauer kennenlernen durfte. Denn nach einiger Zeit driftete er immer mehr von unserem eigentlichen Thema ab und erklärte mir, wie sehr ich nicht der Frau aus seinem neuesten Lied gleiche. Und sogleich begann er, mir von „Augen, die wie Smaragde im Dunkel der Nacht leuchten“ und „pupurrotem Haar“ zu singen. Da fragte ich mich kurz, ob er vielleicht farbenblind sei, denn rote Haare hatte ich an mir noch nicht entdeckt. Als dann die zweite Strophe mit „nur noch Küssen deinen sinnlichen Mund“ endete, war mir die Lust zum weiteren Gespräch vergangen. Ich versuchte mich höflich mit der Ausrede, Interviews transkribieren zu müssen, aus dem Staub zu machen, worauf er nur meinte „Du ignorierst mich sowieso nur.“ Darauf fiel mir nur noch die Gegenfrage ein: „Was, ich?“ und machte mich auf in den Raucherraum, der die einzige Steckdose im Umkreis von 10 Kilometern beherbergte.

Schließlich machte ich mich auf den Weg nach Vorarlberg – zumindest war das der Plan. Da die Tankstelle sich mitten im Ort befand, versuchte ich zuerst direkt dort mein Glück. Da machte ich Bekanntschaft mit einer für Hitchhiker unangenehmen Eigenschaft des Tirolerlandes: Um 15:00 Uhr schon begann es, dunkel zu werden.  Um schneller weiterzukommen näherte ich mich der Autobahn an und es blieb auch schnell ein Auto stehen: Eines der Autobahnpolizei, die mich mit Blaulicht von meinem Hithhikespot verweisen wollte.

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So machte ich mich wieder auf in den Ort und konnte dort jemanden überzeugen, mich bis zur nächsten Raststätte mitzunehmen. Von dort nahmen mich Michael und Neil mit, zwei hochmotivierte Sportler, die frisch verschwitzt auf dem Heimweg von ihrer Bergtour waren. Trotz ihrer sichtlichen Erschöpfung waren sie hoch motiviert, mit mir über Bildung zu diskutieren und  erklärten mir, dass für sie die zentralsten Inhalte einer guten Bildung Selbstreflexion und kritisches Denken seien. Außerdem, betonte Neil, der professioneller Wildwasserrafter ist und oft mit ganzen Schulklassen unterwegs ist, falle ihm auf, dass besonders in Österreich eine große Angst vorherrsche. Bei seinen Raftingkursen für Schuklassen habe er (fast) noch nie eine österreichische dabeigehabt, weil die es für „zu gefährlich“ hielten. Dabei sei es so wichtig, die Erfahrung zu machen, ein gemeinsames Ziel zu haben und auch gemeinsam dorthin zu paddeln.

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Weiter ging meine Reise mit Aileen und Lukas, mit denen ich hauptsächlich über einen Verbesserungsvorschlag diskutierte: Die Erziehung von Kindern und Jugendlichen zu sport- und ernährungsbewussten Menschen; ein Thema, das in den letzten Tagen schon öfter angesprochen wurde, als ich fragte, was man verbessern könnte an der Schule. Aileen, deren Beruf es ist, Menschen via Webcam in ihrer Ernährung & Fitness zu coachen, betonte besonders wie unreflektiert ihre Kunden oftmals entscheiden, was sie in den Kühlschrank stellen und zu welchen Waren sie im Supermarkt greifen. Die Zahl der Kinder, die an Diabetes leiden, steige rasant. Lukas fügt noch hinzu, dass Schule auch praktisches Wissen (Bsp.: wie kann ich mein Taschengeld verwalten) vermitteln sollte, aber es trotzdem  vorrangig um persönliche Entfaltung gehe und zitiert dabei den Film „Alphabet“ von Erwin Wagenhofer, der auch für mich eine  Inspiration zu dieser Reise war. Dort sagt Sir Ken Robinson, ein äußerst renommierter Pädagoge: „98% aller Kinder kommen hochbegabt in die Schule – nur 2% verlassen sie noch hochbegabt.“ Als ich dann bei der Raststätte auf meine nächste Mitfahrgelegenheit warte weist mich ein etwas älterer Herr mit dem Namen Hugo darauf hin: „Neugierde ist sehr wichtig, junges Fräulein. Hören sie nie auf zu fragen”. Das werde ich, Dankeschön :)

Das letzte Stück nach Dornbirn bin ich mit Stefan, einem Juristen, der aber eine Lehre gemacht hat, unterwegs. Er scheint sehr zufrieden mit seinem Bildungsweg und betont, dass es für ihn „genau das Richtige“ gewesen sei, vor dem Studium eine Lehre zu absolvieren. Er habe dabei soziale Fähigkeiten erlernt, die seinen Mitstudenten, welche nur in der Schule gewesen waren, fehlten.

Als ich schließlich in Dornbirn ankomme, bin ich außerordentlich froh darüber, mir keine Unterkunft suchen zu müssen. Ich beschloss spontan am Weg nach Vorarlberg mir ein kleines Geschenk zu machen, da ich es bis ans andere Ende unseres Landes (der Bildung?) geschafft hatte, und für die kommende Nacht bei zwei guten Freundinnen zu bleiben.

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Beim Abendessen geht mir noch einmal die Ernährungsbewusstseinsthematik durch den Kopf: Ob wir unsere Kinder und Jugendlichen zu genug Aufmerksamkeit für das, was sie zu sich nehmen, erziehen? Das lässt auf jeden Fall hinterfragen und viele Leute tun es auch, wie mir in den letzten Tagen auffiel. Auch fällt mir ein interessanter Unterschied zwischen meiner Kindergartenzeit, wo mir gesagt wurde „Frag nicht so viel!“ und der Gegenwart, wo alte Männer an der Tankstelle mir raten: „Erhalte deine Neugierde.“

Auch wenn das Hitchhiken in Tirol schwerer war als in allen anderen Bundesländern, so beschäftigt Bildung die Menschen auch dort sehr – und jeder hat eine Geschichte zu erzählen.

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Let’s Go West!


Posted By on Jan 24, 2014

Mein Tag heute begann mit dem, was in der Schule “bildnerische Erziehung” heißt. Nach dem Aufwachen machten Flo und ich uns daran, Bildung auf einer weißen Leinwand auszudrücken. Es waren vielleicht 5 Pinselstriche, mit denen jeder von uns sich verewigte.  Müsste man das Werk interpretieren, so käme man nicht umher, „Bildung“ als recht düster zu beschreiben. Ob es tatsächlich so ist, liegt natürlich im Auge des Betrachters – macht euch also ein Bild:

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Wir hatten das Kunstwerk eine Weile bewundert, da traf ich Felix , einen Multimedia-Arts-Studenten , der auch im Heim wohnt. „Eigentlich“, meint Felix, „bin ich Kindergartenpädagoge.“ Was seine Traumschule sei? Die FH hier in Puch. Nämlich wegen der kleinen Gruppen. Dem Praxisbezug. Der individuellen Betreuung, Dem tollen Netzwerk. Flo kann all dem nur durch eindeutiges Nicken beipflichten. Aber gibt es auch etwas, das die beiden verbessern würden, an ihrer Traumschule? „Ja, die Unabhängigkeit.“, fällt Flo ein. Denn dadurch, dass die FH von Arbeiterkammer und Wirtschaftskammer gefördert werde, büße sie etwas von diesem in der Bildung und Forschung besonders wichtigen Asset ein. Kunst und Wissenschaft müssen frei sein – die FH sei ein wenig zu sehr „Teil des Systems“. Und – inzwischen kann ich diese Antwort schon fast hinzufügen, bevor ich überhaupt die Frage stelle – sie wünschen sich ein Ende der Fehlerkultur. „Die Talente, die wir hier haben, das sind teilweise wirklich außergewöhnliche Künstler. Wenn man die bloß mehr in ihren Stärken fördern, als sich auf ihre Schwächen konzentrieren würde…“ Mir kommt dabei sofort der Vortag und mein Gespräch mit der Kindergartenpädagogin in den Sinn, die genau das gleiche ausdrückte. Wie viel mehr solcher außergewöhnlichen Künstler es an der FH wohl geben würde, wenn diese bereits im Kindergarten in ihren Talenten gestärkt werden würden?

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Diese Frage beschäftigt mich, während ich am Kreisverkehr auf meine Weiterfahrt nach Tirol warte. Nach kurzer Wartezeit bereits drehen zwei Jugendliche extra zwei Runden im Kreisverkehr um mich mitzunehmen. Hannes und Snezana gehen noch zur Schule und sind sehr zufrieden mit ihrer Schulwahl. Ihrer Meinung nach bereitet sie die HTL/HAK Hallein sehr gut auf die Arbeitswelt vor. Schon bald kommen wir zur nächsten Raststätte, wo sie ich aussteigen lassen und ich warte wieder eine Weile, bis mich Joseph und Philipp mitnehmen, die gerade von einer Weiterbildung kommen. Wie ihr euch vielleicht vorstellen könnt, fällt es mir inzwischen immer schwerer, an Zufälle zu glauben. Denn die Leute die mich mitnehmen, könnten nicht besser zum Ziel meiner Reise passen. Vielleicht aber liegt es auch einfach an der magischen Anziehungskraft meines HItchhikedaumens… Auf jeden Fall finden die beiden Greenkeeper (Menschen die sich um die Golfplatzanlagen kümmern) das Projekt super und dass ihre Weiterbildung nicht umsonst war, wird mir während der Fahrt, auf der sie mich detailliert in ihre Ansichten zu Landwirtschaft, Ernährung und Rasen einführen, glasklar. Als sie mich dann in Kematen, einem 2000-Seelen Dorf mitten im Tiroler Inntal, aussteigen lassen, ist es schon dunkel.

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Auf gut Glück gehe ich zu einem Bauernhof und frage, ob ich wohl für die Nacht bleiben dürfe – ich erfahre meine erste Enttäuschung an diesem Tag. Sie währt aber nicht lange, denn auf der Straße treffe ich Katharina, die mit einer Freundin spaziert. Als ich ihr meine Reise und meine Bitte erkläre, zückt sie sofort das Handy und ruft ihre Oma in Unterperfuss an, die normalerweise Zimmer an Jakobswegpilger vermietet – ich darf gratis bei ihr bleiben und bekomme zur Begrüßung eine köstliche Jause vorgesetzt. Auch wenn Katharinas Oma zu Beginn etwas skeptisch ist, so beantwortet sie meine Fragen mit der Zeit immer freudiger. Dass ich es – dem Klischee nach – gar nicht tirolischer erwischen hätte können, wird mir klar,  als ich sie nach dem Ort frage, wo sie am meisten gelernt habe: In Unterperfuss, im Haus ihrer Eltern  – denn da habe sie zum Beispiel auch das notwendige Rüstzeug erhalten, um mit einundzwanzig Jahren die Silbermedaille im Kuhmelken abzuräumen. 1 Stunde; 10 Kühe; – Prost!

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Julia & Katharina.

Wie es nach meiner Nacht am Bauernhof weitergeht, erfahrt ihr in meinem nächsten Artikel.

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Von der Pädagogik einer Kulturhauptstadt…

Es mag paradox klingen, wenn ich berichte, dass einer der spannendsten Momente jeden Tag das Schlafengehen ist. Denn wenn ich am Morgen aufbreche, weiß ich noch nicht, wo ich mich am Abend ins Bett (oder auf die Couch oder auf den Boden) legen werde. Bei der Herausforderung, ohne Geld eine Bleibe zu finden sind vor allem die Dunkelheit und der Zeitdruck, den sie und die mit ihr kommende Eiseskälte mir machen, meine Gegnerinnen. Dieser Herausforderung habe ich mich gestellt, weil wir mit dieser Tour auch zeigen wollen, dass es nicht immer große Budgets braucht, um etwas (Großes) zu bewirken. Genau wie unsere Tour, hängt auch gute Bildung nicht nur von viel Geld, sondern von einzelnen Personen und deren Einstellung ab. Umso wichtiger scheint es mir, auch in der Dunkelheit meine positive Ausstrahlung zu bewahren, denn die fällt potentiellen GastgeberInnen auf, egal ob es hell oder dunkel ist. An dieser Stelle auch ein großes Danke an alle meine freundlichen GastgeberInnen bisher, die durch ihre Gastfreundschaft eine große Unterstützung für unser Projekt bekunden!

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Nun aber zum heutigen Tag: Nachdem ich von Mathias’ Mutter Richtung Salzburg aufgebrochen war, landete ich in einem öffentlichen Kindergarten. Waren sie zuerst auch ein wenig schüchtern, so drückten die Kinder ihre Zuneigung sehr schnell durch ein hervorragendes Frühstück aus Papierkuchen, Glasnuggetsuppe und frisch gebrühtem Lufttee aus – je länger ich schlemmte, umso mehr brachten sie ihre Kreativität zum Kochen. Auch wurden ihre Fragen immer neugieriger und zahlreicher.

Kindergarten Salzburg - Land der Bildung

Nach diesem köstlich-kreativen Festmahl bekam ich noch Gelegenheit, mit der Kindergartenleiterin ein ausgiebiges Interview zu führen. Sie betonte, dass Bildung „außerordentlich viel mit Kultur zu tun hat“ und in unserer globalisierten Welt immer mehr auch mit der Vernetzung von Kulturen, Toleranz und Teilen: So gebe es an ihrem Kindergarten z.B. kein Martinsfest, sondern ein Lichterfest. Als ich dann noch mit einer anderen Kindergartenpädagogin sprach, betonte diese – wie eigentlich alle anderen vor ihr – dass sie die Fehlerkultur nicht versteht: „Wieso wird einem Kind in unserem System nur besondere Aufmerksamkeit geschenkt, wenn es eine Aufgabe besonders schlecht macht und nicht, wenn es sie meistert?“ Außerdem gebe es ein Problem bei der Ausbildung von KindergartenpädagogInnen: „Viele entscheiden sich für die BAKIP (Kindergartenschule) ohne wirklichem Interesse an Kindern; also nur, weil sie dort die Matura bekommen, die man „heute einfach braucht.“

Ich verlasse den Kindergarten und treffe einen Herren, dessen Aufgabe es ist, die HUMANA-Kleidungscontainer zu entleeren. Als ich ihm von meiner Reise erzähle, nimmt er mich gleich in die Akademiestraße mit, seiner Meinung nach einem Bildungshotspot der Stadt Salzburg: Neben der Uni befindet sich dort eine Volksschule, ein BORG – und die Pädagogische Hochschule, an der Volks-, Haupt- und SonderschullehrerInnen ausgebildet werden. Spontan entschließe ich mich, mir ein Bild von den zukünftigen Lehrerinnen und Lehrern und ihren Ansichten zu Bildung zu machen. Ich versuche zwar auch, mit dem Führungsgremium der Pädagogischen Hochschule Kontakt aufzunehmen, doch mir wird gesagt, dass man sich für einen Termin mit der Rektorin mindestens 2 Wochen im Vorhinein anzumelden habe. Auch die Vizerektorin war von meinem Besuch nicht sonderlich begeistert. So machte ich mich also an zukünftige Lehrer an Neuen Mittelschulen (der neue Name der Hauptschulen) heran und interviewte sie. Mario, ein angehender Mathe- und Werklehrer erklärt mir, dass Bildung für ihn eine Mischung aus persönlichen Erfahrungen, zusammen mit den Inhalten, die die Schule vermittelt, ist. Welche Veränderung am Bildungssystem er sich wünscht? Mehr Praxis! Denn die ist wichtig, dass sei ihm bei seinem BW-Studium, das er abgeschlossen hat, aufgefallen. Konkret auf sein Fach bezogen findet er es zum Beispiel wichtiger, dass ein Schüler Prozentrechnen beherrscht, als dass er Sinus- und Kosinusintegrieren kann, denn das eine brauche man viel wahrscheinlicher als das andere. Auf die Frage, was am derzeitigen System positiv sei, antwortet er prompt: „Nix. Deswegen werde ich ja Lehrer.“

Sportplatz BAKIP Salzburg

Mein nächster Interviewpartner, ein angehender Mathe- und Sportlehrer, erklärt, dass Bildung für ihn eine Form von Ausbildung sei, die es jungen Menschen ermögliche, sich in der Gesellschaft zurechtzufinden und ein gutes Leben führen zu können. Und wieso er Lehrer werden will? Weil ihm Unterrichten, das Weitergeben von Wissen, das Gefühl gibt, etwas Sinnvolles zu tun.

Ich gönne mir am Buffet eine kurze Pause. Dort verwickle ich mich in ein Gespräch mit einem vergleichsweise älteren Herrn, der wie ein Lehrer aussieht – allerdings stellt sich heraus, dass er eine erheblich bedeutsamere Position (ich darf sie leider nicht nennen…) an der PH innehat. Auch wenn er zu Beginn meinen Fragen eher ausweicht, als sie zu beantworten, so fasziniert er sich immer mehr für meine Reise und gibt mir am Ende ehrliche, offene Antworten. Seine Traumschule erfülle drei Voraussetzungen: 1) Altersgemischte Gruppen (als ob Kinder mit dem sechsten Geburtstag Lesen, und mit dem achten auf einmal das Einmaleins können wollen) 2) eine Talent- anstatt einer Fehlerkultur (niemand geht gern täglich an einen Ort, wo ihm gesagt wird, was er alles nicht kann; jeder geht gern an einen Ort, wo er seine Stärken entdecken und entfalten kann) 3) Erhalten der Lernmotivation, die die Kinder von selbst mitbringen (Kinder kommen hochmotiviert in die Schule – wie kann es sein, dass so vielen von ihnen bis zur Matura die Lust am Lernen vollkommen vergeht?)

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Seine Aufgabe an der PH ist unter anderem die Arbeit mit zukünftigen Volksschullehrerinnen und –lehrern. Dabei versuche er vor allem, die Entwicklung von kindlicher Kreativität vom Kindergarten in die Volksschule zu diskutieren: Sie verfalle, obwohl Kreativität in unserer Zeit so wichtig ist. Wie er diesen Verfall lösen würde? Durch eine gute Mischung aus Vorgaben von Seiten der LehrerInnen und Input der SchülerInnen – deshalb ist auch sein wichtigster Tipp an seine Studenten: Eine offene Haltung. Betreten sie nämlich das Klassenzimmer mit einer offenen Haltung, so werden die SchülerInnen sie mit einer solchen verlassen.

Um einige Einsichten reicher verlasse ich also die Pädagogische Hochschule Salzburg, noch immer ohne Unterkunft. Interessant an meinem Besuch hier war auch, dass von meinen drei Interviewees nur einer seinen Namen nennen und keiner ein Foto machen wollte: „Wir haben es einfach satt, uns verteidigen zu müssen.“

Eigentlich hatte ich mir für den Tag noch vorgenommen, ein paar Schulen auf der Akademiestraße zu besuchen, doch das war jetzt nicht mehr möglich. Durch die angeregten Gespräche hatte ich nicht gemerkt, wie schnell die Zeit vergangen und es dunkel geworden war. Bereut habe ich es jedoch überhaupt nicht; ich fühlte mich einfach bestärkt in meiner Überzeugung, dass gute Gespräche Zeit brauchen und sie auch verdient haben.

Ich machte mich also von der Akademiestraße auf den Weg nach Puch, wo sich eine Fachhochschule und (hoffentlich) viele gastfreundliche Studenten befinden. An einer Tankstelle wartete ich, jedoch ohne auf mein weißes Schild, das ich immer dabeihabe, mein Ziel schreiben zu können. (Dem Folienstift hatte es in der PH wohl besser gefallen, als auf Reisen…) Ich machte mir Sorgen und mich überkam immer mehr das Gefühl, mehr wie eine Prostituierte, denn als eine Bildungshitchhikerin zu wirken. Schließlich gelang es mir doch, nach Puch zu kommen. (Dank der Fußballtruppe: Marco, Daniel & Elias!)

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Ich stand vor einem riesigen Betonkomplex, der mehr an einen Bunker als an ein Studentenwohnheim erinnerte. Da es keine Möglichkeit gab, in das Gebäude zu kommen, wartete ich davor und fragte mich, wie lang das wohl gut gehen würde, bevor mir die Finger abfrieren würden. Nach geschlagenen 45 Minuten hielt ich es nicht mehr aus: ich musste aktiver nach einer Bleibe suchen.

Stephanie's Bett

Als ich um das Gebäude lauerte, wie ein Fuchs um einen (beheizten) Hühnerstall, fielen mir zwei junge Burschen auf, die auf einem “Balkon” rauchten.„Hey, hat jemand von euch zufällig eine Couch?“, rief ich zu ihnen hinauf. Ich kam mir vor wie im Märchen “Rapunzel”, nur dass meine Haare nicht bis zum dritten Stock reichten und die Geschlechterrollen sich ein wenig vertauschten.

Sogleich kamen die zwei Burschen herunter und baten mir ihren Zimmerboden an. Als sie sich dann auch noch die Mühe gaben, mit mir nach einer freien Couch zu suchen und ich schließlich bei Flo unterkam, war ich überglücklich. Flo und ich wollten nicht nur über die Thematik “Bildung” diskutieren, sondern es künstlerisch ausdrücken. Wir setzten uns ein 5 Minuten Zeitlimit und es entstand ein sehr lustiges Bild.
Als ich mich dann schließlich (auf Flo’s Matratze am Boden) hinlegte, war ich  überüberglücklich.

Der Tag hatte mir äußerst deutlich gezeigt, wie wichtig es ist, sich eine positive Einstellung gegenüber dem eigenen Erleben und Erkennen zu bewahren: ohne ihr würde ich in vielen Momenten verzweifeln. Mir wurde unheimlich klar, dass diese Reise nur möglich ist, weil ich an sie glaube – und vielleicht ist es ja mit Bildung ähnlich. Ich werde mir auf jeden Fall eines meiner Lebensmottos auch in der kommenden Woche  immer wieder vor Augen führen: “Smile and the world will smile back at you.”

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Der erste Schultag…


Posted By on Jan 17, 2014

Der erste Schultag…

Mein Tag heute begann früh, denn mein erstes Tagesziel war Braunau. Nach nur zwei Stunden Schlaf und einer etwas wehmütigen Verabschiedung von Katharina & Fin machte ich mich auf den Weg nach Braunau am Inn, um dort einige Schulen zu erkunden. Die Fahrt dorthin gestaltete sich äußerst lustig und erstreckte sich über vier kunterbunte Etappen mit den unterschiedlichsten Lenkern: Zuerst war ich mit Mike, einem Grafiker aus Linz unterwegs. Er ließ mich bei einer Tankstelle aussteigen, von der mich Monika, eine Krankenpflegerin, bis nach Ried im Innkreis mitnahm. Dort musste ich am Kreisverkehr eine Weile warten, bis mich Karl, ein älterer, verdutzter Landwirt mitnahm – irgendwo im Nirgendwo ließ er mich dann aussteigen. Gott sei Dank befand sich nicht allzu weit entfernt die Ausfahrt eines kleinen Dorfes. Als ob das Schicksal den Zweck meiner Reise kennen würde, werde ich von einer Lehrerin mitgenommen, die nach Braunau unterwegs ist.

HTL Braunau - Auf nach Bildung

In Braunau angekommen, werde ich von Herrn Maier zur etwas außerhalb gelegenen HTL gebracht; der angeblich „besten Schule Österreichs“ (zumindest wurde sie 2009 als solche ausgezeichnet). Ich ging einfach zum Direktor, der mich mit einem wichtigen Besuch, den er erwartete, verwechselte. Als er mich dann als Bildungshitchhikerin erkannte, gab er mir ein kurzes Interview und lobte seine Schule samt ihrer SchülerInnen außerordentlich. Vor allem die Beziehung zwischen Lehrern und Schülern sei hervorragend und dass sei für die Qualität des Unterrichts einfach unerlässlich. Natürlich wollte ich mir davon ein eigenes Bild machen und befragte ein paar Schüler. Auf die erste Frage – ob ich sie filmen dürfe – bekam ich sofort die Gegenfrage, wie es denn mit den Filmrechten sei und ob diese mit der Schulleitung besprochen seien – der Direktor hatte also ganz offensichtlich zurecht die kritische und reflektierte Haltung seiner Schüler gelobt. Was die Schüler am meisten an ihrer Schule schätzen? Die tolle Beziehung zu ihren Lehrern, die Freiheit in manchen Unterrichtseinheiten und die Tatsache, dass die meisten auch praktische Berufserfahrung haben.  Das hilft also, um zur besten Schule Österreichs gewählt zu werden.

HAK Braunau - Land der Bildung

Gegen Mittag machte ich mich auf zur Handelsakademie, die ich durch einen kurzen, matschigen Spaziergang durchs Feld erreichte. Zumindest meine Schuhe werden diesen Marsch nie vergessen. Die HAK ist ein faszinierender Kontrast zur HTL, nicht nur, weil die Schüler sich hier für eine ganz andere Fachrichtung entschieden haben, sondern auch, weil diese Schule eine andere Mentalität prägt.

Die Schüler und Schülerinnen sind freundlich und locker drauf. Auf meine Frage nach ihrer Definition von Bildung bekomme ich eine einfache Antwort: „Naja, ich würde einfach sagen Schule.“ Was die HTLer mit den HAKlern verbindet, ist eine Faszination mit meinem übergroßen (Hitchhike-)Like-Daumen – der kommt überall an.

Charly HAK Braunau

Nach etwa einer halben Stunde in der HAK traf ich Charly, der inoffiziell bereits mehrere Male zum beliebtesten Lehrer der Schule gewählt worden war. Zu seinen Fächern Englisch und Sport pflegt er eine unübersehbare Liebe und im Gespräch, bei dem wir auch über seine Kinder und Bildung im Allgemeinen sprachen, merkte ich, dass ihm die Beziehung zwischen SchülerInnen und LeherInnen sehr am Herzen liegt.

Abt Michelbeuern - Land der Bildung

Gegen 13:30 komme ich in Michaelbeuern an. Das einzige Lebenszeichen in diesem Dorf, das von einem Benediktinerkloster dominiert wird, ist eine Gruppe Pensionisten, die sich sofort für mich und meinen Like-Daumen faszinieren. Ich wurde sogar eingeladen, sie nach Salzburg zu begleiten, aber vorerst beschäftigte mich noch Michaelbeuern – ich machte mich auf ins Kloster. Dort stellte sich sogar der Abt des Klosters, Johannes Perkmann, meinen neugierigen Fragen. Mich interessierte vor allem, was Bildung für ihn bedeutet: „Bildungs hat für mich mit Bild zu tun. Also dieses Bild in mir zu entwickeln, zu dem ich berufen bin. Ganz nach dem Motto ‘Werde, der du bist’.“ Nach diesen Worten entschloss ich mich, durch’s Dorf zu spazieren und Menschen dieselbe Frage zu stellen. Die Stille faszinierte mich, es waren keine Menschen auf der Straße. Im Süden sah ich mein Ziel für die nächsten Tage: die Alpen. Michelbeuern ist ein magischer Ort. Nach einer Weile kehrte ich in die Schule zurück und Pater Gregor zeigte mir alles.

Michaelbeuern - Land der Bildung

Nach einer Stunde treffen wir zufällig die Direktorin und es entwickelt sich ein einstündiges Gespräch daraus, und sie betont, wie wichtig ihr die Beziehung zu ihren Schülern ist. Die Tür zu ihrem Büro sei immer offen und die Schüler kämen auch zu ihr, wenn sie sich z.B. vor einer Schularbeit fürchten. Mir fällt sofort auf, wie sehr sich das mit den Aussagen der HTL-Schüler vom Vormittag deckt, die nicht genug betonen konnten, wie wichtig die Beziehung zu den Lehrern sei.

Nach diesen intensiven Erlebnissen gönnte ich mir etwas Zeit zur Reflexion auf einem einsamen Hang, um der Sonne beim Untergehen zuzusehen. Ich hatte schon ungefähr eine Ahnung, wo ich diese Nacht schlafen würde und wartete noch auf einen bestimmten Anruf. Bald würde es dunkel und sehr kalt werden, da war ich mir sicher.

Aufenthalt im Bankfoyer - Land der Bildung

Der frühe Einbruch der Dunkelheit ist eine der größten Herausforderungen beim Hitchhiken zu dieser Jahreszeit. Meine vorläufige Lösung zum Aufwärmen und Warten war das Foyer einer Bank, in dem es warm und hell war. Ich dachte über meine Situtation nach und fühlte mich ein wenig wie eine Obdachlose – und eigentlich bin ich das zur Zeit ja auch. Doch obwohl ich scheinbar obdachlos bin fühle ich mich gar nicht verloren, mein Bauchgefühl schenkt mir immer wieder ein Vertrauen, das noch nie enttäuscht wurde. So bekam ich schon bald den ersehnten Anruf von Mathias‘ Mutter, die ganz in der Nähe wohnt und sich bereit erklärte, mich für die Nacht bei sich im Wohnzimmer aufzunehmen.
Langsam merkte ich meine Müdigkeit, die während dem Tag verflogen war und bevor ich meinem Körper endlich die ersehnte Ruhe gönnte, ließ ich noch den Tag auf mich wirken. Nachdem ich am Vortag in Linz ausschließlich Schulen und Menschen besucht hatte, die mir durch mein dortiges Netzwerk empfohlen wurden, bin ich heute aktiv auf Schulen zugegangen, ohne irgendeinen speziellen Bezug dorthin zu haben.

Michaelbeuern at Night - Land der Bildung

Die unmittelbare Abfolge von HTL, HAK und Hauptschule (bzw. Neue Mittelschule) ließ die Unterschiede, aber vor allem die Gemeinsamkeiten unheimlich deutlich hervortreten. Die HTL Braunau hatte mich vor allem interessiert, weil sie ja angeblich die „beste Schule Österreichs“ sei und ich das intuitiv sehr stark hinterfragte. Der Aspekt an unserem Bildungssystem, der an allen Schulen die ich besuchte kritisiert wurde, war der Umgang mit Fehlern. Sie würden nicht als Entwicklungsmöglichkeit, sondern als negative Laster gesehen, was die Angst vor ihnen schüre und den Mut zur Kreativität bremse. Lieber wird viel Zeit und Geld für Nachhilfe und die Beschäftigung mit den eigenen Schwächen verwendet. Was wohl wäre, wenn wir diese Ressourcen in die Entwicklung unserer Stärken investieren würden? Diese Frage werde ich mir wohl noch des Öfteren stellen in den nächsten 10 Tagen. Ich bin schon gespannt…

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In Linz beginnts!


Posted By on Jan 15, 2014

|||In Linz beginnts!|||

 

„Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“

-Friedrich Schiller

Heute Morgen bin ich in einer wahren Bildungsstätte aufgewacht. Ich durfte im Zimmer des dreijährigen Fin übernachten. Ganz wie es sich für einen solch kreativen Ort gehört war der Türstock mit Ölkreidemalereien versehen; und zwischen Matchboxautos und Schaukelpferd habe ich außerordentlich gut geschlafen – erheblich besser als früher auf den harten Tischen in der Schule.

Bei Fin und seiner Mutter Katharina, die mit ihm wohnt, landete ich am Montagabend, nachdem ich von Wien aus Richtung Linz gestartet war. kathi&finDie Reise war spannend, denn nicht nur bin ich zum ersten Mal als Hitchhikerin mit einem LKW mitgefahren; ich konnte auch gleich meine „Bildungsfragen“ stellen: Astrid, die ich bei der Station Hütteldorf (einem Hitchhikehotspot) kennenlernte, weil sie auch Richtung Linz autostoppte antwortete mir hochmotiviert. Was für sie der Ort war, wo sie am meisten gelernt habe; ihr „Bildungsort“ sozusagen? Die Uni Wien, das Internationale-Entwicklungsstudium dort. Dass dieses Bachelorstudium abgeschafft wurde, das sei ein sehr schlechtes Zeichen des Bildungssystems. Und was würde sie an diesem Bildungssystem verändern? Kindergärten und Schulen in Waldkindergärten und Schulen am Bauernhof verwandeln – auf so einer Schule hat sie nämlich selber gearbeitet und gemerkt, wie gut die Kinder dort lernen.

Astrid war so begeistert von meiner zweiwöchigen Bildungs(hitchhike)reise, dass sie mir eine Unterkunft für die Nacht bei Katharina organisierte, bei der ich auch Fin und sein Zimmer kennenlernte. Mir wurde ein bisschen klarer, um was es bei dieser Reise gehen würde: Persönliche (Bildungs-)Geschichten, Lernerfahrungen und das Kennenlernen von privaten, inoffiziellen Netzwerken und deren Zugang zum Thema Bildung. Ich will nicht nur Schulen und andere staatliche Institutionen besuchen, ich will genauso die Erfahrungen und Netzwerke von alleinerziehenden Müttern in Linz, Biobauern in Tirol und PädagogikstudentInnen in Salzburg kennenlernen.

So begann ich am Montag gleich, indem ich Tamara, eine Freundin von Katharina, im Eltern-Kind-Zentrum Linz besuchte. Sie ist alleinerziehende Mutter und hat mich dorthin eingeladen, um mit ihr über Bildung zu sprechen. Das EKIZ ist ein TamaraOrt, wo Väter und Mütter mit ihren Kindern Zeit verbringen und sich austauschen können. Beim Gespräch betonte Tamara vor allem, dass Bildung für sie lebenslanges Lernen sei. (Das ganze Interview kann man sobald ich schnelleres Internet habe auf unserem Youtubechannel sehen.) Monika erklärte mir außerdem, dass das EKIZ für sie ein Ort der Bildung ist, weil Kinder hier von sehr frühem Alter an „wie von selbst“ soziale Kompetenzen erlernen.

Kurz nach Mittag machte ich mich weiter auf den Weg zu Schola, einem erst dreischola Jahre alten, alternativen Schulprojekt nördlich der Donau, in „Urfahr“, mit 10 Kindern. Der Name des Projekts bezieht sich auf den lateinischen Ursprung des Wortes „Schule“, „schola“, was ursprünglich „Freizeit, Muße“ bedeutete. Das zentrale Anliegen dieser Schule ist es, der „Fehlerkultur“, die im normalen Bildungssystem praktiziert wird,  auszuweichen. Von einer Lehrerin wird mir erklärt, dass das wichtigste an der Schule ein Vertrauen darauf sei, dass die Schüler und Schülerinnen von sich aus lernen wollen. Trotz meines kurzen Besuchs erhielt ich einen wirklich interessanten Einblick, der mir Vorfreude auf den Besuch weiterer Schulen macht.

Danach ging‘s weiter zu den Donauwirtinnen, zwei jungen Frauen aus Linz, die vor kurzem ihr eigenes Lokal eröffnet haben. Wenn Wirtinnenman sieht wie sie für ihr Wirtshaus brennen, bräuchte man eigentlich gar nicht fragen, wo sie am meisten gelernt haben: „Hier!“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. An Tanja und Julia hat mich vor allem ihre aufgeweckt fröhliche Art, beeindruckt, mit der sie diese Herausforderung angingen. Solche Herausforderungen, die Spaß machen und praxisrelevant sind, wünschen sie sich auch für den Unterricht.

Nach der motivierenden Begegnung mit den Donauwirtinnen wurde ich etwas unsanft auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt: Als ich zu Katharina zurückkehrte traf ich Viktoria, eine alleinerziehende Freundin von Katharina. Ihr Sohn, der gerade am Spielen mit Fin war, wird in einem Jahr schulpflichtig und Viktoria möchte, was wohl alle Eltern möchten: Dass ihr Kind auf die für ihn beste Schule gehen kann. Allein, es fehlt das Geld!

Ich wollte noch eine Runde durch die Stadt drehen, da kam ich an einem außergewöhnlichen Atelier vorbei. Mein Bauchgefühl gab mir ein eindeutiges Zeichen und, da es mir wichtig ist, diesem zu folgen, trat ich ein. Ich begegnete einer Dame mit pechschwarzem Haar, unverkennbar die KIm Atelierünstlerin dieses Ateliers. Dorothee begrüßte mich, und ich erzählte ihr von meiner Reise. Am meisten habe sie von ihrem Meister Erich Ruprecht, dessen Bilder früher verboten wurden, weil sie „zu pornographisch“ waren. Frau Funke, eine Kunsthändlerin, die auch im Atelier war, machte diesen Besuch noch mehr zu einem Erlebnis: Sie konnte gar nicht genug betonen, wie Bildung Kunst und Kunst Bildung ist. Ich konnte sehr leicht erkennen, dass die Kunst diese zwei Menschen wirklich stark „gebildet“ hatte. In einem Hinterzimmer, das mit Statuen bestückt war, die den Einfluss „des Meisters“ Erich Ruprecht nicht verkennen ließen, erklärte Dorothee mir wie es zu dem Atelier kam und das sie im Innenhof für sich und ihre Kinder (ihre Bilder) ein kleines Häuschen gekauft habe. Mein Bauchgefühl hatte mich in ein ganz eigenes Universum verführt.

Nun zeigte es mir aber eindeutig, die Stadt weiter zu erkunden und ich machte mich auf den Weg durch das klirrend kalte, nächtliche Linz. Als ich neben den Straßenbahngleisen spazierte traf ich auf Fabian. Wir verwickelten uns in ein Gespräch, in dem er mir erklärte, dass er die Waldorf-Schule, die er besuchte, in der 8. Klasse abbrach, weil es ihm einfach zu viel wurde. Er fing daraufhin im Schmuckladen seiner Mutter an und versuchte sich selbst an der Produktion von Schmuck. Er übernahm immer wichtigere Aufgaben im Geschäft, das er mir sichtlich stolz und glücklich zeigte. Heute führt er es, fast vollständig allein.

Nachdem ich in mein Zimmer bei Katharina zurückgekehrt war (ich darf noch eine Nacht bleiben, juhu!), war ich überwältigt von all den Eindrücken. Was lässt sich also neben all meinen persBildönlichen Lernerfahrungen, wie zum Beispiel das Kennenlernen von so vielen mutigen Alleinerziehenden, zusammenfassend über die ersten zwei Tage sagen? Die breite Resonanz auf meine Fragen, von so vielen verschiedenen Menschen, war ein eindeutiger Hinweis dafür, wie brennend das Thema Bildung ist. Und dass es sich dabei um ein Thema handelt, das jeden betrifft. Denn mir scheint, Lernerfahrungen sind mitunter die intensivsten Lebenserfahrungen, und die Summe dieser Erfahrungen ist das, was wir unsere Bildung nennen. Bildung in diesem Sinn hat, denke ich, weniger mit Tests Noten und Zeugnissen zu tun, und mehr damit, wie wir Herausforderungen annehmen und damit umgehen, dass unsere Kreativität uns manchmal ein wenig verrückt erscheinen lässt. Wenn wir also nur da ganz Mensch sind, wo wir spielen, wie Schiller meint; dann sind wir da ganz Mensch, wo wir aus neuen Erfahrungen leben lernen.

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